Gerne möchte ich unsere Erfahrungen, welche ich insgesamt als sehr positiv bewerte, mitteilen: Ich bitte um Verständnis, dass ich die Namen der beiden betroffenen Damen aus der Ukraine anonymisiere und lediglich mit Frauen, Damen oder Mädchen umschreibe.

Bereits frühzeitig nach dem Beginn des Angriffskrieges war ich auf #UnterkunftUkraine im Internet aufmerksam geworden und entschloss mich, mit meiner Frau – frei nach dem Motto „Irgendetwas muss Mensch doch tun“– einen separaten Teil unserer Mietwohnung für Geflüchtete zur Verfügung zu stellen.

Wir sind ein verheiratetes Paar, Ende 50 und leben ohne Kinder im westlichen Ruhrgebiet. Nach meiner Registrierung bei #UnterkunftUkraine geschah eine gefühlte Ewigkeit nichts, obwohl uns zunehmend dramatische Bilder aus der Ukraine, der polnischen Grenze und aus Berlin über die Medien erreichten.

Dann aber, Mitte Mai 2022, klingelte an einem Sonntag plötzlich mein Smartphone und ein Mann erklärte, dass wir „gematcht“ worden seien. Er fragte, ob mein Angebot noch aktuell sei. „Selbstverständlich“ gab ich zurück. So beschrieb er mir zwei junge Damen, 19 und 26 Jahre alt, welche neben ukrainisch und russisch auch englisch sowie „ein wenig Deutsch“ sprächen. Diese befänden sich aktuell noch in Polen und würden bis Dienstag im Westen Deutschlands sein. Ich erhielt via E-Mail Kontaktdaten der Frauen und sandte gleich eine Nachricht. Es stellte sich heraus, dass die beiden bereits in Hannover waren und dort von Volunteers in eine Unterkunft gebracht wurden.

Sie vermuteten, uns bereits am Montagnachmittag zu erreichen. Aufgeregt verbrachten wir die Nacht von Sonntag auf Montag mit der Ausstattung der angedachten beiden Gästezimmer (Persönliches entfernen, Gästebetten aufbauen und beziehen, Grundreinigung, Zusatzgegenstände platzieren, welche ein autarkes Verbleiben in den Zimmern erlaubt, falls traumatisiert – also einen kleinen Kühlschrank und ein Camping WC) und erschienen am Montag recht übermüdet auf unseren jeweiligen Arbeitsplätzen.

Da der Kontakt über WhatsApp in englischer Sprache möglich war, erfuhr ich von ihrem Eintreffen am Bahnhof unserer Stadt auf der Arbeit. Sofort rief ich meine Frau an und bat sie, mich zur Abholung zu begleiten. Für mich erschien es beängstigend, wenn ein unbekannter Herr – kurz vor den 60 Jahren  – zwei junge Frauen – möglicherweise traumatisiert – am Bahnhof aufliest.

Tatsächlich gelang die Abholung gut und wir begleiteten sie in unser Haus. Die jungen Frauen waren recht modisch – dem Alter entsprechend – gekleidet, aber wirkten sehr schüchtern. Der rasche Versuch, Ihnen zu erläutern, dass sie sich bei uns wie zu Hause fühlen sollen, inkl. Zeigen der verfügbaren Haushaltsgegenstände, Bad, Küche usw., stieß auf wenig Verständnis, die Antwort war „No talking, just sleeping…“. Also ließen wir die beiden in Ruhe und sie schliefen erst einmal 15 Stunden durch.

Am nächsten Abend versuchte ich, erneut Kontakt aufzunehmen. Die beiden wirkten aber immer noch sehr zurückhaltend und begründeten dies damit, dass sie uns nicht stören möchten. Gleichzeitig ermöglichte mir dies aber nicht, den Frauen die Hausregeln, Position und Bedienung der Elektrogeräte (Waschmaschine, Spülmaschine, TV, WLAN Passwort usw.) zu erläutern, ohne aufdringlich zu wirken. Nun, heute weiß ich es besser. Die Aufnahme hätte ich in diesem Falle wie die von Hauskatzen machen sollen: erst einmal verstecken sich Katzen in neuer Umgebung unter dem Schrank, um dann nach 2-3 Tagen vorsichtig die neue Umgebung zu erkunden.

Genau so lief es auch hier ab, auch wenn die beiden nicht unter den Schrank gingen, sondern nur ihre Zimmer praktisch nicht verließen. Am 3. Tag kamen sie heraus und wollten wissen, ob wir eigentlich keine Waschmaschine besäßen…

Dies war der Startschuss für eine immer bessere Kommunikation.

In den nächsten Tagen trafen wir uns jeweils abends zu einem Gespräch oder zu einem Spaziergang durch die Stadt. Es stellte sich heraus, dass die beiden bereits in den ersten beiden Tagen – während wir auf der Arbeit waren – den Weg zum Rathaus gefunden hatten und sich registrieren ließen. Während wir mit der älteren aufgrund der Sprachbarriere kaum sprechen können – sie spricht Ukrainisch und Russisch, wir Deutsch und Englisch – ist die Kommunikation mit der jüngeren ein Vergnügen. Es stellt sich heraus, dass die 19-Jährige neben Ukrainisch, Russisch und Englisch auch Koreanisch spricht. Ferner hat sie rudimentäre Deutschkenntnisse (A1 Level). Rasch wurde also die 19-Jährige auch unsere Dolmetscherin für die Ältere und wir starteten jedes Wochenende gemeinsame Ausflüge.

Die jüngere formulierte ihre Ziele und beeindruckte uns zunehmend. Sie möchte schnell Deutsch lernen, interessiert sich für deutsche Kultur und Geschichte und wünscht, dass wir ihr so viel wie möglich davon beibringen. Dem kamen wir gerne nach. Nunmehr nach 4 Wochen gemeinsamen Lebens haben wir ein wenig das Gefühl, nicht zwei Geflüchtete, sondern zwei Töchter im Haus zu haben.

Und da wir zeitlebens kinderlos geblieben waren, ist dies ein sehr emotionales Gefühl.

Bis dahin, als mir fast das Herz stehen blieb, weil mich die jüngere nach einem Gespräch über ihre Zukunft fragte, ob Sexarbeit in Deutschland legal sei. Ein bedingtes „Ja“ erheiterte sie offenbar. Ich begann mir ernsthafte Sorgen zu machen und erzählte meiner Frau davon. Schon hatten wir zwei sorgenvolle „Eltern“. Meine Frau startete dann ein Einzelgespräch mit der jungen Frau und äußerte unsere Ängste. Sie brach in schallendes Gelächter aus und erklärte glaubhaft, dass sie eigentlich nur an den Unterschieden unserer Kultur zu der ihren interessiert war und keinesfalls plane, an dunklen Gefilden unserer Gesellschaft zu partizipieren.

Was unsere beiden Gäste in leichte Verzweiflung versetzte, war die deutsche Bürokratie. Wegen jeder Kleinigkeit gibt es auszufüllende Dokumente, bei denen die Antragsteller persönlich erscheinen müssen. Während dies in der Ukraine alles online gemacht werden kann, mussten sie beiden sich bei uns durch diverse Institutionen (Rathaus, Ausländeramt, Wohnungsamt, Jobcenter etc.) durchfragen, ohne die erhaltenen Auskünfte wirklich zu verstehen.

Bis ich dann des ganzen überdrüssig etwas Urlaub nahm und die Damen beim Behördenmarathon begleitete und ihre Wünsche schilderte. Die erhaltenen Auskünfte und Formulare hatten wir rasch verarbeitet und nun ein Ergebnis: Beiden war ein Job zum Verpacken in einer Schuhfabrik angeboten worden, der auch 4 Stunden Deutschkurs je Woche beinhaltet. Während die Ältere gerne dieses Angebot ab 01.09. annehmen möchte und plant, Ende Herbst in die Ukraine zurückzukehren, möchte die jüngere nun einen Intensivkurs Deutsch, finanziert durch das Jobcenter wahrnehmen und anschließend eine Berufsausbildung machen. Sie plant einen Aufenthalt von ca. 2 bis 3 Jahren hier, um ihre hier erworbenen Kenntnisse danach in der Ukraine zum eigenen und zum Vorteil Ihres Landes einzusetzen. Ich bin stolz auf meine „neue Tochter“.

PS: Ich habe mein Schreiben online auf Russisch übersetzt und den Frauen zum Lesen gegeben. Sie waren mit meinem Text einverstanden. Kommentar: „Yes, all it´s true“.

17.08.2022, Jörg H.