Manchmal ist der Zufall auf deiner Seite. Manche nennen es sogar Schicksal. Egal wie man es nennen möchte, es ergab sich, dass im März 2022 ein Bürogebäude, welches sich in Familienbesitz befindet, leer stand. Der bisherige Mieter war ausgezogen.
Dort sei theoretisch viel Platz, man könnte viele Menschen unterbringen. Dies besprach ich mit meiner Frau und die Idee war geboren.

Inspiriert hatten mich die Bilder aus Berlin, wo Menschen am Bahnhof wildfremde Menschen mitgenommen und bei sich zuhause aufgenommen haben. Diese Form der Hilfe gefiel mir. Denn sie ist aktiv. Ich hätte die Möglichkeit faktisch etwas zu „machen“ oder „mit anzupacken“. Meine Frau musste ich nicht groß überzeugen. Sie war sofort Feuer und Flamme. Meine Frau war immer schon sozial engagiert, ist Mitglied beim Malteser Hilfsdienst seit sie laufen kann. Auch in der Familie war der Zuspruch sofort groß und das Gebäude wurde bereitwillig zur Verfügung gestellt und Unterstützung bei der Umsetzung zugesagt.

Erstmal galt es aus vollkommen leeren Räumen Wohnräume zu schaffen. Küchen und Bäder einzurichten. Man glaubt gar nicht wie viel zur Grundausstattung eines kompletten Hausstandes gehört, wenn man quasi bei null vorhandenem Inventar anfängt! Einen kleinen Text geschrieben und los ging die “Posterei” in den sozialen Medien: auf WhatsApp, Instagram, Facebook und Co. – jeden, den man kennt, fragen, ob er was abgeben kann.

Dann wurden wir wirklich überwältigt von der Hilfsbereitschaft. Fortan waren unsere Wochen davon geprägt unter der Woche Sachspendenannahmen zu koordinieren, die am Wochenende sortiert und die Zimmer damit eingerichtet wurden. Jedes Zimmer erhält Schlafplätze, einen Schrank oder eine Kommode, eine Kleiderstange oder eine andere Möglichkeit Kleidung aufzuhängen und Sitzmöglichkeiten. Nicht viel, kein Luxus, aber allemal viel besser als in einer staatlichen Unterkunft. Nachdem wir die ersten zwei Zimmer eingerichtet haben, habe ich mich bei mehreren Stellen gemeldet, dass wir Menschen aufnehmen könnten. Der Stadt, #UnterkunftUkraine und in sozialen Netzwerken. Nach ein paar Tagen schon der erste Anruf der Stadt: ein älteres Ehepaar mit einem geistig behinderten Sohn brauche dringend eine Unterkunft, da der Sohn nicht mit großen Menschenansammlung zurechtkäme. Und so kamen wir an unsere ersten „Gäste“.

Es dauerte eine Woche, dann kam der nächste Anruf. Zwei Frauen (Mutter und Tochter) mit insgesamt drei Kindern zwischen zwei und zehn Jahren. Der nächste Anruf. Eine Familie aus einer überfüllten Auffangstation aus Frankfurt am Main inklusive einer krankheitsbedingt sehr angeschlagenen Mutter suche dringend eine Unterkunft. Wir hatten eigentlich vor, langsam zu starten und nach und nach Leute aufzunehmen, um auch zu sehen, wie es funktioniert. Wie es auch meine Frau und ich mit unseren Ressourcen umsetzen können. Immerhin macht man dies ja nebenbei, neben dem Job und der Kinderbetreuung. Aber das Schicksal der Menschen lässt einen nicht los und da die Räume zur Verfügung standen, konnten wir nicht ablehnen. Wir beeilten uns weitere Zimmer einzurichten.

Und so kam der nächste Anruf für drei Frauen aus Mariupol mit Kindern, zwei Jahre und neun Monate. Nach vier Wochen im Luftschutzbunker hatten sie sich entschieden die Flucht zu wagen. Bange zwei Wochen vergingen, in denen sie sich durch die Fluchtkorridore kämpften bis sie es schließlich zu uns schafften. Und so ist es gekommen, dass meine Frau und ich zwischenzeitlich 19 Menschen aus der Ukraine beherbergten. 11 Erwachsene und 8 Kinder.

Jede Familie hat ihr eigenes Zimmer. Es gibt 4 Bäder und zwei Küchen, einen Gemeinschaftsraum, Lagerräume, ein Spielzimmer für die Kinder und einen Garten. Zum Teil ist die Einrichtung immer noch behelfsmäßig, aber unsere Gäste sind sehr dankbar und fühlen sich wohl. Eine Dame hat sich entschieden wieder in die Ukraine zurück zu kehren, so dass aktuell noch 18 Menschen bei uns sind. Sie kommt aus Mariupol und ihre ehemalige Wohnung ist vollständig zerstört. Sie will aber vor Ort anderen Menschen helfen und ist daher zurückgekehrt. Ich stehe fast täglich mit ihr im Austausch.

Unsere Gäste dürfen bleiben, solange sie wollen. Meine Frau und ich helfen auch tatkräftig beim Ankommen. So auch bei allen Behördengängen (ja, es ist ganz, ganz schlimm wo man sich überall melden und registrieren muss und welche Anträge man alle stellen muss!), Arztbesuchen, Erledigungen, etc. Wir konnten alle Kinder in Schulen und Kindergärten unterbringen. Wir suchen Sportvereine, organisieren Freizeitevents und Stadttouren. Immer wieder spiele ich Hausmeister und repariere Gartenstühle, reinige Abflüsse oder sorge dafür, dass die Fensterscheibe, die der Zweijährige im Wutanfall eingeschmissen hat, ersetzt wird. Meine Frau kümmert sich auch viel um seelische Belange der Damen oder schlichtet Streitigkeiten. Bei fast zwanzig Menschen aus unterschiedlichen Haushalten und Familien liegt jeden Tag etwas an.

Unterstützt werden wir von zahlreichen Menschen aus unserem nahen und mittlerweile auch teilweise weiter gefasstem Umfeld in Form von helfenden Händen, Begleitfahrern bei Ausflügen, Sachspenden, Einkaufsgutscheinen, und vielem mehr. Ohne diese große Unterstützung und Hilfe würden wir unser Projekt so nicht stemmen können. Heute Abend beispielsweise ist Pizzaparty, gesponsort durch einen lokalen Verein und eine befreundete Familie.

Die zusätzliche Arbeit ist anstrengend und manchmal fühlt man sich wie der Herbergsleiter einer Jugendherberge. Wir versuchen zu den zu schlimmen Erfahrungen in der Heimat neue, schöne Erinnerungen zu kreieren, besonders für die Kinder. Wir lachen gemeinsam viel, aber auch Tränen und Trost hat es schon oft gegeben und geben müssen. Es gehört dazu, zum Gastgeber sein.
Das Schicksal der Menschen ist teilweise unfassbar schlimm. Erfahrungsberichte gehen tief unter die Haut und es ist schwer, eine Balance zwischen Anteilteilnahme und notwendiger Distanz zu finden. Auch für die Kinder ist die Situation schlimm und hinterlässt Spuren, die sich sehr unterschiedlich äußern, je nach Kind. Herausgerissen aus der Heimat, Schule, Freunde, das eigene Spielzeug – alles weg! Dazu die Sorge um die Väter, Großväter und alle anderen lieb gewordenen Menschen, die da bleiben mussten.

Videocalls mit Vätern habe ich schon geführt, die versuchten ihre Dankbarkeit in englische Worte zu fassen (damit ich sie verstehen kann), dass ich ihre Kinder und ihre Frau aktuell beschütze, weil sie es zuhause nicht mehr konnten. Das hinterlässt auch bei uns als Gastgeber Spuren. Spuren der Gewissheit das richtige zu tun, aber auch Traurigkeit, dass diese Hilfe überhaupt notwendig ist. An der Situation in der Heimat können wir aber nichts ändern. Aber wir können das Leben hier erleichtern, für Abwechslung und schöne Erlebnisse sorgen und beim Start in ein neues Leben helfen.

Ob es nun der Pizzaabend ist, der Besuch im Tierpark, die Ausrichtung des Osterfestes samt orthodoxem Gottesdienstbesuch, ein Ausflug zum Stadtfest, die Schulausstattung samt Tornister oder ein Haufen Fahrräder, damit man sich freier in der Stadt bewegen kann. Das Lachen der Kinder ist jeden Aufwand, jedes der Telefonate und jeden Gang absolut wert!
Die Hilfe und die Aufnahme unserer ukrainischen Gäste hat unser Leben bereichert. Ich kann diesen Schritt daher nur jedem empfehlen.

Man hört ab und an auch mal von negativen Erfahrungen von Gastgebern. Unsere Art der Unterbringung ist natürlich etwas anders als bei anderen, da wir nicht gemeinsam unter einem Dach leben, aber ich kann als Gastgeber nur Gutes berichten. Ich habe 18 Menschen, die extrem dankbar sind, die mehrfach angeboten haben ihre Sozialhilfe zu teilen, als Mietersatz, die die Unterkunft sehr sauber halten und vom ersten Tag an angefangen haben, Deutsch zu lernen. Die Sprache ist wahrlich ein erschwerender Faktor. Außer wenige Brocken Englisch sprechen unsere Gäste nur Ukrainisch und Russisch. Aber wir haben schnell Plätze in einem ehrenamtlichen Sprachkurs finden können und die ersten Vokabeln und Sätze auf Deutsch sitzen schon.
Bald startet auch endlich der staatliche Integrationskurs und wir hoffen auf einen deutlichen Schub dann beim Thema Sprache. Hier, bei den staatlichen Maßnahmen, wünscht man sich schon immer mal wieder etwas schneller greifende und funktionierende Mechanismen.Denn nur mit der Überweisung der Sozialleistungen ist Integration halt noch nicht geleistet. Gastgeber und Gäste werden hier leider etwas alleine gelassen. Gefühlt ist so, dass sobald die Leute aus den Flüchtlingsunterkünften raus sind, die Ämter keinerlei Verantwortung für diese mehr übernehmen.

Das System ist anstrengend und ohne die Unterstützung der Gastgeber kaum zu schaffen. Unsere Gäste begleiteten wir schon zum Amt für Soziales und Wohnen, zum Ausländeramt (insgesamt 3 Termine je Person), zum Jobcenter und zum Einwohnermeldeamt. Mit dem Finanzamt müssen wir jetzt auch noch sprechen für die Steuernummer, welche uns sonst niemand geben konnte. Jedes Mal mit Wartezeiten und es müssen fast immer alle Kinder mit, auch die ganz kleinen. Eine Lanze möchte ich aber für die Sachbearbeiter*innen brechen. In jeder Behörde waren diese sehr freundlich und hilfsbereit. Sie können das System nicht ändern und finden es teilweise selber ganz schlimm, dass das so gemacht werden muss.

Unser Projekt wird aktuell umgewandelt in eine Privatinitiative. Der nächste Schritt wird eine Vereins- oder sogar Stiftungsgründung werden. Wir wollen uns noch lange engagieren und auch die Heimreise unserer Gäste irgendwann begleiten und unterstützen dürfen. Oder auch die vollständige Integration in unsere Gesellschaft. Ein paar unserer Gäste überlegen aktuell schon sich hier ein vollständig neues Leben aufzubauen. Vor allem die, bei denen zuhause alles Hab und Gut vollständig zerstört wurde.

Wer uns unterstützen möchte ist herzlich eingeladen unserer Facebookgruppe Ukraine-Hilfe Bonnenbroich-Geneicken“ zu folgen oder uns unter [email protected] zu kontaktieren.

Gerne helfen wir auch anderen Gastgebern bei Fragestellungen.