Was hat Euch dazu gebracht, Euch auf #UnterkunftUkraine als Gastgebende  zu melden?

Marie: Unmittelbar nach dem 24. Februar waren wir am Wochenende auf der Demo in Berlin. Wir hatten mit den Kindern darüber gesprochen: Zwei Länder streiten sich und deshalb müssen Menschen ihre Heimat verlassen. Unser Sohn meinte dann: Mama, wir haben doch noch Stühle am Tisch frei. Wir haben doch Platz. Die Leute können doch bei uns wohnen. Das hat uns sehr bewegt. Wir haben proaktiv nach Möglichkeiten gesucht, um zu helfen. Über nebenan.de, die Nachbarschafts-App, sind wir auf #UnterkunftUkraine gestoßen und haben dort inseriert, dass wir Menschen aufnehmen. 

 

Wer hat sich auf das Angebot hin bei Euch gemeldet? 

Marie: Die erste Familie hat uns über #UnterkunftUkraine kontaktiert hat. Sie kam aus Saporishshja. Die Familie kam mit dem Zug am Hauptbahnhof an, wollte aber nicht in Berlin bleiben, sondern irgendwohin in Deutschland, wo zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz so viele Ukrainerinnen und Ukrainer waren und sie bessere Chancen hätten längerfristig zu bleiben. Sie waren für vier Tage bei uns. Zur gleichen Zeit kontaktierten uns Freiwillige vom Südkreuz und erklärten: Wir haben eine Mutter und ein Kind, die sich ausruhen müssen. Also räumten wir unser Schlafzimmer und zogen (denkt nach) – wo sind WIR nochmal hingezogen?

Alle lachen. 

Daniel: Wir sind auf den Dachboden gezogen. 

Marie: Genau. Mein Mann fuhr zum Südkreuz und holte sie ab. Wir hatten also gleichzeitig neun Menschen, die bei uns in drei verschiedenen Zimmern lebten. Eine Familie ging dann nach Stuttgart, die andere eine Woche später nach Kaiserslautern und dann hatten wir eine weitere Familie aus Charkiw, die nur eine Nacht blieb, da sie eine Wohnung in Berlin gefunden hatten. 

 

Wie war diese erste Zeit für Euch?

Das war eine sehr emotionale Zeit. Wir haben beide in Vollzeit gearbeitet und es fiel uns schwer, umzuschalten: Mit so viel Trubel im Haus wusste ich kaum noch, wo ich meine Video-Calls für die Arbeit halten sollte. Eine Mutter stand unter Schock von den Ereignissen, wünschte sich für ihre Familie einen Rückzugsort und hatte das Gefühl, uns zur Last zu fallen. Nachdem sie dann weitergezogen sind, war für uns klar, dass wir zwar weiterhin Menschen aufnehmen wollen, aber nur für kurze Zeit.

 

Katya (21), Katya (17) und Anya (21) kamen schon am 21. März zu Euch und leben noch immer bei Euch – wie kam es zur Planänderung?

Zu der Zeit sind viele Menschen aus der Ukraine in Berlin angekommen. Wir wollten ihnen einen Platz für die ersten Tage bieten – dass sie sich ausruhen können, also duschen, schlafen und die Gedanken ordnen. Den drei haben wir gesagt, dass sie bis zum 11. April bei uns wohnen können, weil wir danach als Familie für vier Wochen in den Urlaub fuhren. Aber es hat sich schnell herausgestellt, dass wir uns sehr gut verstehen. Also haben wir sie nach nur drei Wochen kurzerhand zu “Hausbesitzerinnen” gemacht, während wir im Urlaub waren. Wir vertrauten ihnen und sie haben sich sehr gut um alles gekümmert.

 

War das Vertrauen vom ersten Moment an da?

Anya: Wir kamen am Hauptbahnhof an und haben gehofft, für ein paar Tage eine Unterkunft zu finden. Als Marie uns kontaktiert hat, war mir sofort klar, dass wir ihr vertrauen können, weil sie hinter ihrem Namen auf WhatsApp eine ganze Reihe an Tier-Emojis hatte: Hunde, Katzen, Hühner. Das passt zu uns!

 

Marie: Sie waren uns auf Anhieb sympathisch. Ich habe ein Foto von unserer 1-Zimmer-Wohnung geschickt und erklärt, dass wir dort Platz für zwei Personen haben. Anya hat mir geschrieben: Sei kein Problem, sie wären zu dritt, aber eine von ihnen sei sehr „short“ (lacht). Bei einem kurzen Video-Call habe ich dann gesehen, wie jung die drei sind und mein Mutterherz hat mich ganz flott zum Hauptbahnhof fahren lassen, um sie abzuholen. Weil “Klein-Katya” noch minderjährig ist, konnte ich sie jedoch nicht einfach mitnehmen, sondern musste erst mit dem Jugendamt und der Polizei sprechen. Da Anya ihre Cousine ist, war es aber kein Problem.

 

Wie hat danach das tatsächliche Zusammenleben funktioniert? 

Marie: Wir waren schon vorher ein Multi-Kulti-Haushalt. Mein Mann kommt aus Brasilien. Daher sind wir es gewohnt, auch mal “lost in translations” zu sein. Es ist am Ende sehr bereichernd. Wir bringen viele Perspektiven und Liebe zusammen.

Anya: Wir feiern viel zusammen. Katya und ich haben letzten Monat unsere Abschlussarbeiten an den ukrainischen Unis online verteidigt und das haben wir natürlich gefeiert. 

Daniel: Wir sind beeindruckt von Katya, die ihr Design- und Anya, die ihr Wirtschaftsstudium absolviert haben.

 

Was sind eure Pläne nach dem Abschluss?

Katya: Ich möchte gerne ein Praktikum im Bereich Grafikdesign machen.

Anya: Ich warte aktuell auf eine Antwort vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, um an einem Integrationskurs teilzunehmen. Dann werde ich entweder weiter studieren oder arbeiten. Aber als allererstes will ich Deutsch lernen! 

Marie: Was auch immer sie entscheiden, wir möchten ihnen einen angenehmen Ort bieten, von dem aus sie die nächsten Entscheidungen für sich in Ruhe treffen können. 

 

Was sind bei euren nächsten Schritten die größte Herausforderung?

Anya: Wir haben hier zwei Herausforderungen: Den Müll richtig zu trennen und der ganze Papierkram der Behörden. 

Katya: Anfangs haben wir einen Ordner für unsere Dokumente gekauft. Mittlerweile haben wir drei Ordner voll – innerhalb von drei Monaten!

Marie: So viel Papier! Mittlerweile ist das ein Running Gag, jedes Mal, wenn ein neuer Brief ankommt. Dabei haben sie die ganzen Behördengänge fast ausschließlich alleine bewältigt – da hatten wir als Gastgebende wenig Aufwand. Nur einmal musste ich mit zum Senat, weil ich offiziell die Erziehungsberechtigte von “Klein-Katya” wurde. Die größte Herausforderung aber dürfen wir darüber nicht vergessen: Sie sind nicht freiwillig hier.

Daniel: Erst gestern war es sehr emotional. Klein-Katya wird bald 18 und als wir sie nach ihren Wünschen gefragt haben, hat sie nur gesagt: Wieder vereint mit meinen Leuten sein. 

Katya: Natürlich geht es uns schlecht, wenn wir in den Nachrichten sehen, wie unser Zuhause zerstört wird. In unserer Heimatstadt Charkiw hagelt es täglich Bomben und es brennt. Der Freund von “Klein Katya” ist Soldat dort und verteidigt die Stadt. 

Anya: Natürlich, es ist schlimm. Ich vermisse am allermeisten meinen Hund und weine mindestens einmal die Woche. Aber ich habe hier zum Glück Bella, den Hund von Marie und Daniel. 

 

Würdet ihr bei allen Hochs und Tiefs wieder Menschen aufnehmen? 

Daniel: Ohne Frage! Natürlich muss es auch mit den Menschen passen. Wir geben gerne Freiheiten. Wir wollen aber nicht, dass man uns sagt, unser Lebensstil sei falsch. Es braucht gegenseitigen Respekt. Das haben wir hier, denke ich.

Marie: Wir haben auch jetzt noch Platz unter dem Dach. Kurzfristigen Unterschlupf können wir immer bieten. Und es hat sich auch gezeigt, dass wir auf die Unterstützung aus unserem Umfeld zählen können. Anfangs haben wir eine WhatsApp-Gruppe mit Freundinnen und Freunden sowie Familie aufgemacht und dort geteilt, dass wir unser Haus in ein Hostel umwandeln. Die gleiche Nachricht haben wir auf nebenan.de gestellt, wo wir bereits vorher sehr aktiv waren. Die Resonanz war großartig und die Hilfe sehr vielseitig, zirka 50 bis 60 Leute aus der Nachbarschaft haben uns bis heute kontaktiert. Manche haben Wäsche gewaschen. Andere haben Lebensmittel, Möbel, Kleidung und Gutscheine vorbeigebracht. Wieder andere haben uns beim Übersetzen geholfen oder Fahrdienste zu den Behörden übernommen.

Katya: Als wir angekommen sind, hatten wir nur zwei Plastiktüten Kleidung. Und die, die wir hatten, war für den Winter. Die meiste Sommerkleidung haben wir von den Nachbarinnen und Nachbarn bekommen. Wir sind sehr dankbar dafür.

Daniel: Manchmal denke ich, sie sind falsch angezogen und frage: Sind Sneaker die richtige Kleidung für heißes Wetter? Aber erst vor ein paar Tagen wurde ich eines Besseren belehrt. 

Anya: (lacht) Ja, das ist Fashion! Zu diesem Outfit gehören Sneaker!

Daniel: Wir lernen in vieler Hinsicht voneinander. Am Ende aber tun wir das, was wir uns in der gleichen Situation wünschen würden. Wenn wir mit unseren beiden Kindern in ein anderes Land fliehen müssten, mit Kleidung, die in zwei Plastiktüten passt, ohne die Sprache zu beherrschen oder viel Geld zu haben, dann wären wir auch auf Hilfe angewiesen. Deshalb helfen wir.

Interview durchgeführt von unserem Partner MashUp Communications