Georgina und ihre Erfahrungen als Gastgeberin

Wir, mein Mann, meine dreijährige Tochter und ich, leben in Schleswig Holstein auf unserem landwirtschaftlichen Betrieb und – man muss es so sagen – auf dem platten Land.

Zu Beginn des Krieges entschlossen wir uns, den überschüssigen Platz bei uns zu nutzen und Gäste aus der Ukraine aufzunehmen. Über einen Cousin meines Mannes dessen Freundin Ukrainerin ist, kamen wir in Kontakt mit Anastasiia, eine junge Frau von Anfang 30, die mit der Schwiegermutter ihrer besten Freundin und deren bester Freundin das Land verließ, um nach Deutschland zu kommen. Sie entschlossen sich zu uns zu kommen.

Vor ihrer Ankunft hörten wir so gut wie nichts von ihnen, hin und wieder eine WhatsApp mit schwammigen Informationen über die bevorstehende Ankunft, wir waren dementsprechend sehr aufgeregt. Die Aufregung war vollkommen unbegründet. Die drei Frauen wurden innerhalb kürzester Zeit zu echten Freundinnen. Wir kochten zusammen und unterhielten uns über Stunden hinweg – glücklicherweise spricht Anastasiia fließend Englisch und war nonstop als Übersetzerin gefragt.

War Anastasiia nicht in der Nähe, kamen wir notdürftig mithilfe von Google Translate über die Runden. Was den Dreien viel bedeutete und eine sehr große Rolle gespielt hat war die Möglichkeit zum Rückzug. Sie teilten sich ein Zimmer, hatten allerdings einen weiteren Raum, den wir zwischenzeitlich als eine Art Wohnzimmer eingerichtet hatten nur für sich zur Verfügung, soll heißen, wir betraten diese beiden Räume niemals ohne anzuklopfen oder ohne ihre Erlaubnis, was sie sehr zu schätzen wussten.

Die Drei waren mit ihrem eigenen Auto geflohen, ein gewaltiges Glück. Die Anbindung zu uns ist katastrophal und hätte eine Isolation und Abhängigkeit bedeutet, die weder ihnen noch uns  gut getan hätte. Sie bekamen sofort Hausschlüssel, um sich frei bewegen zu können und nicht das Gefühl zu haben, jedes Mal „um Erlaubnis fragen“ bzw abklären zu müssen, wann sie wegkönnten oder eben nicht. Natürlich hätten wir jederzeit unser Auto zur Verfügung gestellt, aber so war es für alle Beteiligten angenehmer und bedeutete vor allem eines: Freiheit.

Extrem froh waren wir, von der lokalen Zeitung darauf aufmerksam gemacht worden zu sein, vor der Samstags-Sirene zu warnen. Wie überall auf dem Land schrillt jeden Samstag um 12 Uhr der Probealarm der freiwilligen Feuerwehr. Anastasiia und Lena, die leider viel Zeit in Bombensheltern verbringen mussten, waren extrem dankbar für den Hinweis: „I don’t know, what would have happened to me if you hadn’t told us.

Leider blieben die Drei nur für eine kurze Zeit bei uns. Verwandtschaft von ihnen war bereits in Regensburg untergekommen und gemeldet, so dass es auch sie dorthin zog, nicht zuletzt wegen der Grenznähe zu Österreich.

Bei den verschiedenen Ämtern an Informationen zu kommen glich einem unfreiwilligen Spaziergang durch den nächtlichen Urwald – auf die Frage, ob die Drei sich vorsichtshalber hier melden sollten, dann aber auch wirklich in der Lage wären nach Süddeutschland umzusiedeln, bekamen wir nichts, was man auch nur ansatzweise als befriedigende Antwort hätte bezeichnen können. Undurchsichtige, sich widersprechende, verworrene Informationen von verschiedenen Ämtern – und übrigens bräuchten wir ohne einen Dolmetscher gar nicht erst ankommen, nur Englisch würde nicht ausreichen. Oh, und würde eine Dolmetscher gefunden werden, könnte keiner von uns mitkommen wegen der Corona-Bestimmungen.

Am Ende entschlossen wir uns -glücklicherweise- gegen eine Anmeldung hier. Anastasiia, Vita und Lena fanden durch einen glücklichen Zufall recht schnell eine Unterkunft in Regensburg und verließen uns.

Nach wie vor stehen wir täglich mit ihnen in Kontakt – die gemeinsame Zeit war für uns alle eine unglaubliche Erfahrung, für unsere Gäste wie für uns.

Wir vermissen die Drei und sind jederzeit bereit, wieder jemanden bei uns aufzunehmen!