Anna und ihre Erfahrungen als Gastgeberin

Wie unsere kleine Hausgemeinschaft zusammengekommen ist, können wir gar nicht so richtig rekonstruieren. Ich hatte meinem Bruder mein neues Arbeitszimmer gezeigt und gesagt, dass er, falls er jemanden kennt, der halbwegs selbstständig ist, ihm sagen kann, dass ich ein Extrazimmer habe. 

Mittlerweile wohnen wir mit Alyona und Yakiv seit ca. 7 Wochen, trotz all der Kriegsumstände, sehr fröhlich zusammen. 

Für mich war es wichtig, dass der Besuch selbständig ist und auch alleine sein kann, weil ich nicht die Kapazitäten habe, mich um jemanden richtig zu kümmern und die Sprache nicht kann. Abgesehen davon, ist mein Sohn immer 5 Tage bei seinem Vater und ich nutze die Tage oft, um für Projekte wegzufahren. Und für meinen Sohn war mir wichtig, dass das häusliche Leben nicht zu sehr durcheinander gebracht wird. 

Irgendwann hat Alyona angerufen und ich habe auf Anhieb gemerkt, dass die Kombination aus uns beiden und unseren  6-jährigen Jungs passen würde- und als wir zusammen gezogen sind, waren wir etwas irritiert, wie gut das Ganze passt, obwohl niemand von uns über sich ein Profil geschrieben hat–und als ich meinen Bruder gefragt haben, ob er das etwa  für mich gemacht hat, musste er zugeben, dass er Alyona nicht mal über irgendwelche Ecken kennt und auch nicht rekonstruieren kann, wie meine Telefonnummer zu ihr gekommen ist. 

Pures Glück also! Yakiv und Tino spielen beide gerne Fußball und begeistern sich für ähnliche Sachen, gehen zur etwa gleichen Zeit ins Bett, sind Erstklässler und müssen morgens beide um halb 8 in die Schule, und haben natürlich dennoch immer wieder Missverständnisse, weil sie nicht miteinander reden können. Alyona und ich kennen beide den Rhythmus von getrennten Familien, sind im Kulturbereich tätig, können miteinander Englisch kommunizieren und übersetzen fleißig für die Jungs – und teilen somit mittlerweile sehr viele Sachen miteinander. Allerdings haben wir auch schmunzelnd festgestellt, daß wir beide nicht damit gerechnet hätten, dass man beim Teilen Haushalts irgendwann auch die Unterwäsche gegenseitig aufhängt. Aber was ist das schon im Vergleich zu den großen Themen des Krieges, die uns zusammengebracht haben und auf die man keine Antwort hat. Dagegen sind kleine gemeinsame Haushaltsaufgaben und -tätigkeiten einfach lös-oder wegsteckbar.

Bevor ich bereit war, Gäste zu mir aufzunehmen, waren mir außer der Selbstständigkeit noch zwei Dinge wichtig: 

-Das Projekt kann max. zwei Jahre dauern, weil ich dann sowieso aus der Wohnung raus muss. Die Frage: “Für wie lange” stellt sich auch von außen so oft und es braucht etwas Energie zu akzeptieren, dass es darauf noch keine Antwort gibt. Für die 6-jährigen heißt es: “bis der Krieg zu Ende ist”- und da niemand weiß, was das heißen soll, dauert das Wohn-Projekt für sie zusätzlich solange, bis nach dem Krieg die Häuser wieder aufgebaut sind.

-Jeder muss seinen Rückzugsort und Privatsphäre behalten. Dementsprechend hatte ich die Wohnung umgeräumt und Sachen umgeordnet. Und ich kommuniziere immer, wenn ich weiß, wenn ich nicht Zuhause bin. Einmal hat es besonders gut gepasst: Wir waren zu einem Familienfest in Bayern eingeladen und hier konnte der 7.Geburtstag mit Freunden aus der Willkommensklasse (ohne Übersetzung) gefeiert werden. 

-Die Gäste müssen Mitbewohner sein; ich kann bis “open end” für niemanden ein Gastgeber sein, der kocht, putzt, wäscht usw. 

– Von Mitbewohnern, die eigentlich nie einziehen wollten, weil sie nicht mal ihre Wohnung, Umfeld und Land verlassen wollten, kann ich keine Dankbarkeit erwarten. Es ist unglaublich anzusehen, wie man in kürzester Zeit ein ganzes Leben neu aufbauen muss. Entscheidungen bei zum Beispiel der Schulwahl getroffen werden, bei denen man nicht weiß, ob sie provisorisch oder für die nächsten Jahre sein werden. 

Wenn ich bei etwas Hilfe gebraucht hätte, dann bei dem Ansprechen von simplen und essentiellen Dingen wie zum Beispiel Leistungsbescheid/ Registrierung/{…}.

Aber Alyona hat direkt von Anfang an mit sehr offenen Karten kommuniziert- auch was ihre Finanzen angeht, Unterkunft der Mutter usw. Das hat vieles vereinfacht, weil man zum einen nicht möchte, dass im eigenen Haushalt Geld- oder Familienprobleme herrschen und weil man zum anderen auch erst dann angebotene Hilfe von außen annehmen oder ablehnen kann. 

Letzte Woche waren wir spontan zum ersten Mal in der Stadt aus- in einer uns beide beeindruckenden ukrainisch-deutschen Lesung im Deutschen Theater: “Sascha, bring den Müll raus”. Es war schön, als Mitbewohnerinnen zusammen etwas in Berlin zu erleben, besonders weil es nicht um den Abwasch oder dergleichen ging. Wir haben noch einen Essengutschein von meinem Bruder offen, den müssen wir auf alle Fälle auch noch einlösen.