Alex und seine Erfahrungen als Gastgeber

 

„Glauben Sie an Außerirdische?“. Bei dieser Frage hätte mir klar sein müssen, dass vor uns eine besondere Zeit lag. Der freundliche ältere Herr, der mir diese Frage stellte, war Monsieur B. Kurz zuvor waren er und seine Familie in unsere Neuköllner drei Zimmer-Wohnung gezogen. Nach einer Flucht, die ihn, seine Frau und ihre beiden Kinder aus einem Vorort von Kiew zu uns geführt hatte. Beide Eltern Iraner, mit permanentem Aufenthaltsrecht in der Ukraine. Sohn und Tochter, zwölf und sieben, mit ukrainischem Pass.

Es muss eine abenteuerliche Reise gewesen sein. Für Monsieur B. die zweite Flucht, nachdem er – wohl um die Jahrtausendwende – den Iran verlassen musste. Er hatte in Frankreich als Elektroingenieur promoviert, irgendwann Ende der 1970er, hatte sich als Unternehmer im Iran eine solide Existenz aufgebaut. Warum er sein Leben dort hinter sich lassen musste? Probleme mit der kriminellen Unterwelt und ihren Verbindungen in den dortigen Staatsapparat, deutete er – etwas nebulös – an. In Kiew hatte die Familie ein kleines, aber schönes Haus mit alten Kastanienbäumen. Als die ersten Einschläge durch die vernagelten Fenster zu hören waren, stiegen sie ins Auto und fuhren los. Erst nach Polen, dann weiter nach Deutschland. 

Wie sollte es weitergehen? Wohin sollte man sich wenden? Wo sollte die Reise letztlich hingehen? Familie oder sonstige Anlaufstellen in Deutschland gab es für Monsieur B. und die Seinen nicht. Das eigentliche Ziel war Großbritannien, in der recht allgemeinen Hoffnung, dort Aufnahme und Unterstützung durch entferntere Verwandtschaft zu finden.

Uns wurde die Familie telefonisch vermittelt: Ein „älteres Ehepaar mit Kindern“. Monsieur B. konnte Französisch und Englisch, sodass wir uns verständigen konnten. Seine Frau und die Kinder sprachen praktisch nur Farsi und Ukrainisch, wir – meine Frau, unsere beiden Kinder und ich – weder das eine, noch das andere. Umso schöner war es, dass sich unsere Töchter auch ohne Worte blendend verstanden. Alle waren sehr liebenswert, auch wenn viel Unsicherheit zu spüren war. Auf allen Seiten. 

Eigentlich wollten wir nur unsere Gästecouch und ein Bett im Kinderzimmer anbieten. Es ging um eine Nacht für eine Mutter mit Kind. Zur Not auch zwei oder drei Übernachtungen – kein Problem, schließlich sollten alle zur Ruhe kommen und sich orientieren können. Am Ende wurden es mehr als zwei Monate, davon rund sechs Wochen zu acht, auf unter 100 Quadratmetern. 

Als Familie B. Anfang März in Berlin ankam, waren die zuständigen Behörden noch im Improvisationsmodus. Die Auskünfte der Bürokratie waren oft schon überholt, bevor man dazu kam, sie mit den Angekommenen umzusetzen. Es ging von Station zu Station, von Pontius zu Pilatus. Monsieur B. hatte aus seinen zwei Vorleben den Stolz mitgebracht, auch kleinste Strecken im eigenen Auto zurückzulegen. Und einen Fahrstil, der mir – in Kombination mit dem Berliner Stadtverkehr –wiederholt Nahtoderlebnisse bescherte. 

Letztlich blieb der große Crash aber aus. Wir tingelten von Botschaft zu Botschaft, sprachen – letztlich vergeblich –  beim LEA in der Darwinstraße vor und standen gemeinsam Schlange zur Registrierung beim LAF in Reinickendorf, stundenlang in klirrender Kälte. 

Im Ergebnis wurden wir vor die Wahl gestellt, zur sofortigen Entscheidung: Entweder wir bieten der Familie für mehrere Wochen eine Perspektive in Berlin. Oder sie müssen – gerade angekommen – weiter, voraussichtlich ins ländliche Niedersachsen, so wurde uns gesagt.

Wir entschieden uns, Familie B. weiter zu beherbergen. Es schien sich etwas zu bewegen, wenn auch in kleinen Schritten. Jeder kleine Fortschritt war ein gemeinsamer Grund zur Freude. Vor allem, als es uns gelang, beide Kinder völlig unkompliziert an der Neuköllner Schule unterzubringen, die auch unsere Tochter besuchte.

Allerdings es stellte sich auch Frust ein – nicht zuletzt aufgrund unklarer bzw. schlecht kommunizierter Erwartungen unsererseits. Der ganz gewöhnliche Ärger über kleine Dinge, die sich aus der spontanen WG-Gründung auf engem Raum ergaben: Überheizte Räume, unterschiedliche Essgewohnheiten und Lebensrhythmen, abweichende Vorstellungen von Kindererziehung – insbesondere was das Spielen an Handys und Konsolen anging. 

Auch, weil wir offenbar einen sehr unterschiedlichen Blick auf Geschlechterrollen hatten und Monsieur B. eine Menge recht skurriler Ansichten zur Anwesenheit von Aliens auf der Erde, zu Religion sowie den angeblich die Welt lenkenden Mächten pflegte. Einmal blieben unsere Gäste zunächst spurlos verschwunden, meldeten sich dann von einer Autofahrt aus Schleswig-Holstein und fragten, wo es dort schön sei. Sie hätten spontan einen Ausflug nach Hamburg unternommen und sich irgendwo nordwestlich verfahren. Am Ende übernachtete die ganze Familie eine weitere Nacht im VW-Kombi.

Schwierig war es aber vor allem dann, wenn unsere Hilfe als Ratgeber und Übersetzer zwar eingefordert, aber nichts davon umgesetzt wurde. Das kam öfter vor: Ob es um Behördenkontakte oder die Beantragung von Auslandsvisa ging, wurde vieles mühsam angebahnt und dann – ohne weitere Diskussion – einfach ignoriert. Im Nachhinein ist klar, dass auch Familie B. sich schwer tat, zwischen den sich abzeichnenden Möglichkeiten abzuwägen: Die Kinder begannen, sich in der deutschen Schule wohlzufühlen, ihre Mutter schien immer unglücklicher zu werden, weil sie von ihrem sozialen Umfeld abgeschnitten war und praktisch nur über das Handy lebte.

Durch Urlaube und freundliche Nachbarn, die unseren Gästen für kurze Zeit eine Zweitwohnung überließen, konnten wir die Situation entzerren. Dennoch war die Nachricht, dass Monsieur B. und seine Familie nach vielen Irrungen und Wirrungen doch noch ein Visum für das Vereinigte Königreich erhielten, irgendwie eine kleine Befreiung. Der Abschied war herzlich, fühlte sich trotzdem ein wenig überstürzt an: Zwischen der Visabewilligung und Abreise in Richtung UK ging alles Schlag auf Schlag. Die Kinder konnten sich nicht einmal von ihren Schulklassen verabschieden: Um ihnen die Tränen zu ersparen, wie Monsieur B. meinte.

Wir halfen noch dabei, ein Hotel für einen Zwischenstopp in Wuppertal zu reservieren, buchten zusammen die Tickets für die Fähre. Erst hörten wir gar nichts, dann schrieb Monsieur B. man sei nach England durchgefahren, weil es ein Problem mit dem Hotel gegeben habe. Wir dachten spontan an den Ausflug an die Nordsee und mussten lächeln.

Monsieur B. und seine Familie haben es geschafft. Das ist es was zählt. Die Whatsapp-Bilder aus dem Aufnahmezentrum in Wales lassen uns hoffen, dass es allen gut geht: Seine Tochter im Schwimmbad, blühender Ginster und Meer jenseits der Klippen, der Drache von Wales neben einer ukrainischen Flagge.

Vieles haben wir gemeinsam bewältigt, haben voneinander gelernt, Klarheit gewonnen: Auch wie schwer es manchmal sein kann, in der Realität des Zusammenlebens den selbstgesteckten Zielen von Hilfsbereitschaft und Solidarität zu entsprechen. Darüber, wie wichtig es ist, rechtzeitig Perspektiven abzustimmen, Ansprüche zu klären und Grenzen zu setzen, damit sich niemand überfordert.